Freitag, 19. August 2016

Rezension: Ein Cowboy am Nord-Pol oder Der Tag des hässlichen Hundes

Autor: Kerstin Ruhkieck
Herausgeber/Verlag: Drachenmond verlag
Preis: 2,99€ [Ebook] - 12,00€ [Softcover]
Buchlänge: 180 Seiten


Vielleicht hätte sie ihn einfach springen lassen sollen … Niemand liebt Jakob Pol.

Auch die „unsichtbare“ Nora Nord nicht. Warum sollte sie auch? Jakob ist ein überheblicher Einzelgänger, der immerzu Cowboystiefel trägt und irgendwie alles Scheiße findet. Doch als er sich vom Schuldach stürzen will, behauptet sie, in ihn verliebt zu sein, um sein Leben zu retten.

Warum auch immer. Ganz blöde Idee. Denn Jakob entscheidet, dass sie von nun an zusammen sind, wie ein richtiges Paar. Und irgendwie kommt Nora aus der Nummer nicht wieder raus. In der Schule beginnen die „wir-glotzen-Nora-an“-Tage und Jakob lässt keine Gelegenheit aus, ihr das Leben zur Hölle zu machen. Genau das, was Nora in ihrem verkorksten Leben gerade braucht. Doch dann, … ja dann kommt der Tag des hässlichen Hundes, der irgendwie alles verändert. Wer ist Jakob wirklich?

Ein Anti-Märchen.

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Ein Junge, der auf der Kante eines Schuldaches sitzt, allein und von dem, ausnahmslos jeder weiß, dass er ein absoluter Einzelgänger ist? Für Nora ist die Situation klar: Er möchte sich umbringen. Aber bei seinem Mord dabei sein? Das will sie auf keinem Fall und so tut sie etwas, dass ihr Leben eine gewaltige Wendung verpasst. Sie hält ihn davon ab zu springen indem sie ihm erzählt, dass sie ihn liebt. Denn das ist es, worauf es Jakob ankommt. Er möchte geliebt werden. Ihm ist egal von wem, Hauptsache er wird geliebt, denn nur dann ist man in der Gesellschaft etwas wert. (Eins kann gleich gesagt sein, seine Gedanken und Gedankengänge verwirren nicht nur Nora.) Nora weiß nicht worauf sie sich da eingelassen hat, denn Jakob beschließt kurzerhand, dass sie zwei jetzt zusammen sind. Ein Paar. Nora kann es nicht fassen, aber sie zieht ihre Aussage nicht zurück. Wenn sie ihn so davon abhalten kann Selbstmord zu begehen, dann ist es das ihr wert. Ihr Leben wird nun von ihm beeinflusst und das hat weitreichendere Konsequenzen, als uns allen am Anfang bewusst war.

Ich muss sagen, ich war gespannt darauf, was mich erwarten würde, nachdem ich den Klappentext das erste Mal gelesen habe. Die Idee klang etwas abstrus. Ein Mädchen, dass einem Jungen sagt, dass sie ihn liebt nur um dann mit ihm zusammen zu kommen. Man denkt man weiß, was einen erwartet: Sie kommen sich mit der Zeit näher und irgendwann macht sie ihm nicht nur noch vor, dass sie ihn liebt, sondern tut es tatsächlich. Und er erwidert es. Nun ja... Ganz so ist es nicht. Es wird schlimm für Nora und von Annäherung ist erst einmal überhaupt nichts zu spüren. Das ist der erste große Pluspunkt, den ich hier vergeben kann. Nora und Jakob sind interessante Charaktere, die mit ihren ganz eigenen Sorgen und Problemen zu kämpfen haben. Nora hat nur eine beste Freundin, deren Freundschaft jedoch zu kriseln beginnt, und bis zu jenem Tag von niemandem beachtet wurde, findet sich plötzlich Menschen gegenüber mir denen sie nie etwas zu tun haben wollte. Und Jakob, der Ansichten hat, die man nur verstehen kann, oder versuchen zu verstehen kann, wenn man weiß unter welchen Umständen er aufgewachsen ist. Er macht sich viele Gedanken und meint schon alles zu wissen, was man über das Leben wissen muss.

„Die Angst davor, allein zu sein, lässt dich nicht zu dem Menschen werden, der du sein willst.“

Werdet aus dem Satz erst einmal schlau! Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob ich weiß, was er damit sagen will. Beide Charaktere machen eine Entwicklung durch, die sie ohne einander wahrscheinlich nie gemacht hätten. Und Klarheiten treten hervor, die vor allem Nora nie gesehen hätte, wenn keine Komplikationen entstanden wären.

Noras Verlangen Jakob vom Selbstmord abzuhalten ist ihr anfangs zwar eine nervige Last, aber schon bald interessiert er sie. Sie möchte wissen, was er für ein Mensch ist und wie er zu dem werden konnte, der er heute ist. Was muss ein solcher Mensch durchmachen? Sie will er herausfinden. Warum sieht er in manchen Augenblicken so gebrochen aus? Und diese Traurigkeit in seinen Augen. Was hat es mit der auf sich? Doch das wird schwieriger, als geplant. Aber es gibt dennoch diese Momente. Momente, in denen er sich öffnet, wenn auch nur ein winziges Stück. Ich konnte das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen.

Einzig gestört hat mich irgendwie, wie jemand nur so verbissen daran festhalten kann das Leben eines anderen über sein eigenes zu Stellen. Er behandelt sie schlecht, sehr schlecht an manchen Stellen, aber dennoch bleibt sie bei ihm. Nur aus Pflichtgefühl? Sie erklärt ihr verhalten zwar ausführlich im Buch, aber so richtig kann ich es mir nicht vorstellen.

Wer wissen möchte, ob es Nora gelingt oder Jakob ein Hoffnungsloser Fall ist (glaubt mir, es scheint öfters so, als man denkt) der sollte dieses Buch lesen. Es befasst sich mit so viel mehr, als der Klappentext vermuten lässt. Wie kommt man mit den Tücken des Lebens klar?
Und die Oberflächlichkeit. Ein wichtiges Thema, dass sich durch das ganze Buch zieht. Ist es in unserer Gesellschaft so, dass nur noch das Oberflächliche zählt? Das Aussehen, die Zahl auf dem Gehaltsscheck? Ich kann es nicht glauben. Will es nicht glauben. Und Nora genauso wenig. Aber Jakob denkt genau das. 

Das Buch bringt einen an einigen Stellen zum nachdenken. Ich kann es nur empfehlen. Der Schreibstil ist flüssig und einfach; perfekt zu lesen.

Ich vergebe 4,9 von 5 Sternen.

PS. Das Cover mag ich nicht besonders, aber es passt irgendwie zu dem Buch.


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